Altes Schätzchen

Ich habe über viele Jahre alte Bücher gesammelt. Ich konnte nie wiederstehen, der Geruch, die Einbände, die wunderschönen Illustrationen, ich fand immer einen Grund ein Buch von einem Flohmarkt mitzubringen. Von den meisten habe ich mich schon lange wieder getrennt. Vor allem der vorletzte Umzug vor 14 Jahren hat meine Sammlung arg reduziert. Er ging über 600 Kilometer und ich war um jedes Kilo froh, dass ich nicht zu schleppen brauchte, denn ich war allein mit meiner Tochter und gesundheitlich arg angeschlagen.
Trotzdem lagern immer noch flache Kisten mit Büchern unter jedem Schrank und Sofa und auch von den „richtig Alten“ sind noch einige Schätzchen übriggeblieben. Irgendwie bringe ich es einfach nicht fertig Bücher im Altpapier zu entsorgen. Jeder Versuch mich damit von hunderten Taschenbuchausgaben zu befreien, blieb bisher erfolglos.
Einzig die örtliche Pfarr-Bücherei zeigte sich dankbar für einige Kinder- und Jugendbücher. Den Rest horte ich. Ich bin ein bekennender Büchermessie!
Bei den „richtig Alten“ sind schon einige Kuriositäten.
So habe ich vor vor annähernd 30 Jahren auf einem Flohmarkt im Rheinischen ein Exemplar des genialen Nachschlagewerks „Die Frau als Hausärztin “ erstanden.

hausarzttitel

Es ist eines der schönsten Bücher, die ich kenne. Es hat über 450 wunderschöne Illustrationen, davon viele farbig. Jedes Kapitel beginnt mit einer reizenden Jugendstilillustration, jedes Foto, jede Zeichnung oder Tabelle hat Jugendstilrahmen. Die Absätze beginnen mit großen verschnörkelten Initialen. Es ist eine nahezu unerschöpfliche Quelle um altes Heil- und – Kräuterwissen und enthält eine Fülle von Rezepturen für Heiltees. Die Verfasserin; Frau Dr. Anna Fischer-Dückelmann war ihrer Zeit weit vorraus und hat mit diesem Ratgeber ein Werk geschaffen, das eine Millionen Auflage erreichte und Generationen von Frauen durch alle Lebenslagen begleitet hat.
Aufsehnerregend wenn auch aus heutiger Sicht überaus erheiternd waren die Kapitel über Masturbation oder Kaffeegenuß.Ihr könnt sie nachlesen, wen ihr dem Link folgt. Der Lektüre dieses Buches verdanke ich manch vergnügliches Zusammensein und manches Lachen. Im Anhang befindet sich eine, selbstverständlich kindergesicherte, Tafel mit Darstellungen der Geschlechter. Alle sind als Pappmodelle zum Ausklappen gearbeitet. Man kann genau sehen, wie die Organe im Bauch liegen und was z.B. hinter der Blase liegt, oder wie der Magen von innen aussieht. Ich hatte Mühe die Tafel richtig aufzufalten, als ich sie das erste Mal in Händen hielt, so gut war sie verpackt. Meine Tochter war etwa 7 als sie das Buch entdeckte und sie entfaltete die geheime Tafel in Sekunden und dann war es viele Wochen ihr liebstes Spielzeug. Irgendwann ging dabei die alleräusserste „Klappe“ des Penis verloren, ein Grund für eine große, leider erfolglose Suchaktion.mannuweibinnereien
Meine Ausgabe ist von 14. Hunderttausend aus 1923 und ich fand in dem Buch noch etwa 30 verschieden Zeitungsausschnitte zu gesundheitlichen Themen aus den Jahren 1929- 1935. Unter anderem diese doppelseitige Zeitungsanzeige für ein Kräuterwundermittel von 1933. die Überschrift ist in Sütterlin! Schaut mal auf die Kritzeleien am Rand, da hat irgendein Kind, damals im Krieg, das Blatt als Malpapier benutzt. Ich habe nie geglaubt, wenn meine Mutter erzählte, dass sie im Krieg ihre Hausaufgaben auf Zeitungsrändern gemacht habe. Nachdem ich dieses Blatt fand, erschien es mir wahrscheinlich. anzeigekraeuter
So, das soll genügen für Heute. Bei Interesse veröffentliche ich gern noch einige Scans und Artikel aus dem Buch.

9 Gedanken zu “Altes Schätzchen

  1. liebe Tara-Anne,
    gib dieses Buch nicht weg – es ist eine Kostbarkeit! und wie schön du das beschrieben hast, ich finde es richtig spannend…
    als Historikerin bin ich natürlich fasziniert

    ganz liebe Grüße

    gigaoscar

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  2. Das sind ja wirklich Kuriositäten, die Du Deine Schätzchen nennst. Sehr interessant! …nur die fehlende „Kappe“ hat mir ein bißchen Sorgen bereitet. :))

    Solche Bücherschätze würde ich auch auf jeden Fall behalten. Hab auch noch ganz alte Kinderbücher und Heldensagen im Keller meiner Mama liegen.

    Schöne Grüße und mehr davon!

    Danie 🙂

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  3. Wow, was für ein wahrliches Schätzchen! Das würd ich hüten, wie meinen Augapfel!!! Großartig, bin angetan :ye: Würd da zu gern drin blättern, also gerne mehr davon 😉

    GLG
    Chrissie

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  4. Das tut ochter sicher bis heute leid, das mit der Klappe.
    Wir hatten auch so ein ähnliches im Bücherschrank als wir noch Kinder ware, durften es aber nur unter Aufsicht eines Erwachsenen ansehen. Nicht weggeben!!! Das tust Du ja sicher nicht. Lg.igu

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  5. Willkommen im Klub! Auch für mich ist ein Buch die wichtigste Nahrung und auch ich habe so manche Perlen auf einem Flohmarkt gefunden. Lieb von Dir, dass Du uns einen Blick in Deinen Schatz ermöglichst!
    DANKE!
    LG
    Sarna

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  6. Büchermessie bin ich auch, sehr zum Leidwesen der Pfarrfrau…

    das Buch, das du beschreibst, wirkt auf mich wie ein alter Bekannter, dabei bin ich ziemlich sicher, daß es nicht in meinem Fundus steht.
    Ich suche noch den Link zum Weiterlesen über den Kaffeegenuß (und auch den anderen „Genuß“, den ich neulich mal als „Witwe Faust“ beschrieben fand; weibliche Masturbation war 1923 sicher noch kein Thema, ist ja auch 30 Jahre später bei Kinsey noch die absolute Ausnahme). Hab ich den übersehen?

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