Die Entscheidungsneurotikerin und andere Mitbewohner

Über meine innere Entscheidungsneurotikerin ist in den letzten Tagen hier viel geschmunzelt worden.
Aber sind wir doch mal ehrlich, so ganz allein sind wir doch alle nicht wirklich! Zumindest in meiner inneren Welt ist an manchen Tagen ganz schön was los:

Die Entscheidungsneurotikerin teilt sich den Platz in meinem Inneren nämlich noch mit einigen anderen, sehr exclusiven und kapriziösen Damen und Herren.
Da gibt’s z.B. den grauen Mister Frust und die etwas moralinsaure Miss Etepete und Frau 150-Prozent, der nie was gut genug ist. Das ältliche Frl.Hysteria, eine austherapierte Spinnenphobikerin, Herr Cholerisch mit seinen Gallenproblemen, Fr. Dr. Hypochondria, die mit der Verschwörungstheoretikerin Miss Marple-für-Arme und dem ewig besser wissenden, wandelnden Lexikon Prof.Klugabsonder, und Mijnherr Mis Antroph über die „wichtigen“ Dinge dieser Welt philosophiert. Aber es gibt auch das sexy Luder Miss Unbekümmert und den mutigen Herrn Leicht von Sinnen, Frl. Sub-Optimismus, die dicke, manchmal peinliche Tante Humor, die fromme Frau Gottvertrauen und die mütterliche, gute Köchin Mum Wirdschon, die widerum ganz eng ist mit Frau Altruismus und der esotherisch angehauchten, kapriziösen, aber praktisch veranlagten Esoschlampen – Künstlerin Anva, die noch aus Katzenkotzkugeln ne Halskette filzen kann. Ja, und dann gibt es da noch ein wunderbares, quirliges, versponnenes, verträumtes, fantasievolles, nachdenkliches, sehr ehrliches Kind, die kleine Anna.

Als wäre es noch nicht eng genug halten die sich auch noch Haustiere: Eine faule dekadente Sofakissen-Grinsekatze, ein hypersensibler, seltener Einigel und ein recht borstiger, knurriger Schweinehund gehören ebenso zum inneren Haushalt.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!
Lässt Goethe seinen Faust zu Mephisto sagen.

Verehrter Freiherr von Goethe: Was wär ich froh, wenn es denn nur zwei wären, — viele sind das bei mir, viele!
Kein Wunder, dass es mir da manchmal eng wird in der Brust.

17 Gedanken zu “Die Entscheidungsneurotikerin und andere Mitbewohner

  1. Himmel, Anne! Was für ein Ensemble!

    Da sinniere ich heute über das Kasperle-Theater meiner Kindheit (besser gesagt: der Kindheit meiner beiden Cousins und meiner Cousine, denn ich guckte und spielte nur als Gast mit)… Jedenfalls gab es, wenn ich mich recht erinnere, acht Kasperlepuppen. Kasperle natürlich, seine Gretel, seine Großmutter, einen Räuber, einen Polizisten, ein Krokodil, einen König und eine Prinzessin. Kurz: Die damals übliche Grundausstattung. Und genau über das Sinnstiftende dieser Grundausstattung dachte ich nach und bin mit Nachdenken noch nicht fertig. Und jetzt komme ich her und sehe, dass ich nicht mithalten kann. Trotzdem frage ich Dich… mal so und nur interessehalber. Reagieren Deine Mitbewohner auf Dich? Also ich meine, so wie Kasperle reagiert, wenn die zuschauenden Kinder Rufen: „Kasper, pass auf! Das Krokodil! Das Krokodil!“ Kasper jedenfalls, drehte sich dann immer um und haute dem Krokodil so lange seinen Knüppel auf den Kopf, bis es die Flucht ergriff.

    Mal im Ernst: Ich denke, wenn man schon nicht immer die Regie in seinem inneren Theater führt, dann muss man sich zumindest durch Zwischenrufe bemerkbar machen – besonders wenn Gefahr im Verzuge ist.

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  2. Wie schön, daß nicht noch eine „Miss Ich-hab-Angst-ich-bin-multiple“-Person dabei ist *ggg*
    Nein, aber Spaß beiseite, ich kenne das auch.
    Seltsamerweise ist bei mir allerdings nicht ein einziger Mann dabei.
    Sehr stark aber immer die Pusherin („du mußt…“) und ihre Zwillingsschwester Frau Reißdichzusammen („niemand empfindet so wie du“).
    Und Frau Melancholia. Eine Frau Anthroposophin wohnt in mir auch. Sehr stark zuweilen. Und eine Amishfrau mit Häubchen und allem, die sich ein schlichtes Leben wünscht.
    Auch eine starke Revoluzzerin gibt es und eine, der einfach alles auf den Senkel geht.
    Sehr schön finde ich auch die Person, die mein (Ex-)Darling in mir gefunden hat: „Die liebe Streiterin für eine fantasievolle Kindheit“.
    Es gibt übrigens diese wunderbare Methode des „Inner Voice Dialogues“, in der man all diese Personen sprechen läßt. Ganz fantastische Methode, vor allem, bei Entscheidungen spürt frau ganz schnell, was eigentlich wirklich dahinter steckt. Da sind wir wieder bei dem Mutter-TOchter-Ding, diese garstigen, mir das Leben ewig vermiesenden Frau Pusher und ihre Zwillingsschwester haben nämlich absolut den mütterlichen „du bist nicht gut genug“-Tonfall.
    Es macht Spaß die Persönlichkeiten zu enttarnen.
    Das Buch dazu ist von Hal und Sidra Stone.

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  3. wow, liebe anne, was für eine grossartige charakterisierung deiner selbst!
    und das ist ja erst der anfang, denk ich mir, weiss ich doch, könnte doch sein, oder?
    ach du, klasse teuflicher eintrag von frau entscheidungsneurotikerin :))

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  4. liebe Cuenta,
    leider komme ich erst jetzt dazu dir zu antworten.

    Natürlich reagieren meine Mitbewohner auf mich und ich auf sie.;)
    Ich bin selbstverständlich die „Herrscherin“ in meinem Reich, und es ist immer mein Wille, der geschieht, aber ich habe gelernt bei Entscheidungen auf meine „inneren Stimmen“ zu hören und die Dinge immer von mehreren Seiten zu betrachten. Letztlich ist mir das bei Gewissensentscheidungen immer hilfreich gewesen.

    Es ist schon so ein wenig wie im Kasperletheater! Wobei mich beim Kasperletheater seit frühester Kindheit immer die vollkommene Abwesenheit einer Mutterfigur gestört hat.

    Alle Figuren sind Halbwaisen oder Alleinstehend und – erziehend.
    Schau mal:
    Der Kasper ist offensichtlich sogar Vollwaise, denn er hat weder Vater noch Mutter.

    Dafür hat er eine Großmutter, die wohl für Essen, Kleidung, Wohnung und Lebensweisheit zuständig ist.

    Die Gretel, ebenfalls elternlos, ist seine Frau, Geliebte, Schwester, Freundin, Kumpanin? Jedenfalls ist sie so eine ehrliche, bissel doofe Haut, deren Hauptzweck darin besteht, Warnungen und Ratschläge von sich zu geben, auf die der Kasper eh nicht hört.

    Der König hat offensichtlich auch keine Frau mehr und war in den Kasperlestücken meiner Kindheit mit seiner Rolle als alleinerziehender (Landes)- Vater immer deutlich überfordert!

    Das Produkt seiner Erziehung war die Prinzessin, ein verwöhntes, quengeliges, bissel doofes, aber dafür reiches und naturblondes Fashion- Viktim.
    Ich wollte wirklich niemals Prinzessin sein!

    Der nicht wirklich böse, verwilderte Räuber war eigentlich das, was der Kasper mal werden würde, wenn er nicht endlich aufhören würde, der vorlaute Kasper zu sein. Er hatte deshalb meist meine Sympathien.

    Den „guten“ Polizisten fand ich dagegen immer bissel doof, wenn auch harmlos.

    Das herrlich kompromisslos böse Krokodil weckte schon als Kind den Tierschützer in mir, denn es folgte doch lediglich seiner Natur von Fressen und Beißen und ich verstand nicht, dass es immer geprügelt wurde. Ich hätte es am liebsten an den Nil zurückgebracht, wo es seiner Art entsprechend leben könnte

    Du siehst, wirkliches Kasperletheater war nicht so mein Ding, wohl aber Puppentheater. Die Stücke schrieb ich selbst und für die Herstellung der Puppen war mir jedes Mittel recht.

    Sehr liebe Grüße
    Anne

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  5. hallo Lawendula,
    *lacht* Wie schön, die Melancholia, die Anthroposophin und die Revoluzzerin wohnen auch zeitweise bei mir.

    Als „multiple Persönlichkeit“ im psychiatrischen Sinn habe ich mich nie empfunden, wohl aber als sehr phantasievolle und manchmal wiedersprüchliche Person.
    Wirklich gelitten habe ich lange Zeit unter der mimosenhaften Sensibilität meines inneren Kindes. Aber seit mir vor annähernd 30 Jahren, ein Psychologe, auf einer Fortbildung mal sagte, der Kindanteil sei der Beste in uns, habe ich mich mit ihm ausgesöhnt.

    In meine Persönlichkeit hat das Leben eben viele Facetten geschliffen, aber macht nicht erst der Facettenschliff einen Brillianten aus einem Rohdiamant? ;):))
    Liebe Grüße
    Anne

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  6. Bist du meinen Persönlichkeitsanteilen auf der Spur? Das Teufelchen in mir haben bisher erst wenige gesehen, es bleibt meist zahm und brav *lacht *
    Natürlich hast du schon recht, wer sich die Mühe macht, kann einiges in mir entdecken!
    sei sehr lieb gegrüßt, Anne

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  7. Das innere Kind. Das ist bei mir eher ganz liebevoll sanft, verträumt und sehr glücklich. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, sehr behütet und beschützt zu sein. Und das ist schön. Nur empfinde ich die Welt oft als so weit davon entfernt, sie wird irgendwie immer roher scheint mir und da kommt mein Inneres Kind nicht mehr mit.
    Der Elfenbeinturm, ja da denke ich oft drüber nach…

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  8. nein, ich muss zugeben, mein inneres Kind war nicht immer glücklich, und auch nicht immer behütet und beschützt.
    Ich selbst hab es lange ganz schön angegriffen. Mit diesem ist nicht gut genug, nicht schön genug, nicht voll genug, nicht perfekt genug – Gerede.

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  9. immer auch nicht! Um Himmelswillen. Aber ich denke bei mir ist es eher die Jugendliche, wenn es so was auch gibt, die verletzt wurde. Als Kind war noch alles gut. Aber dann.
    Vielleicht bei mir auch, daß ich mit 3 Jahren meine Heimat verlor, danach fühlte ich mich sehr unbeschützt. Aber ich bin nun schon so lange auf einem sehr ganzheitlichen Weg und sehe, wie beschützt mein inneres Kind immer ist und wahr. Da ist ein warmes, gutes Gefühl.
    Vielleicht kann ich auch deswegen so viel an mein Kind weiter geben.

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  10. „Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft“ (Novalis) – Ein spannendes Thema – habe gerade ganz begeistert die vielen Einträge dazu gelesen. Das Buch zum Thema „Innerer Dialog“ klingt interessant – möchte ich gerne mal lesen. Danke für das daran-teilhaben-dürfen. Herzliche Grüße aus Wien wo es so langsam mit dem Frühling etwas wird, was mein inneres Kind zu einem Luftsprung verführt ;-))Beatrice

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  11. Liebe Anne,

    das Kasperletheater king auch mir ja wegen der Rollenverteilung“ durch den Kopf. Ähnlich Familienverhältnisse findes Du bei Disneys Ducks: Donald, der seine drei Neffen großzieht, Dagobert, von dem niemand weiß, in genau welchem verwandschaftlichen Verhältnis er zu Oma Duck steht, ob Tante Daisy, von Donald glühend verehrt, nur eine Nenntante ist… Eine Studie zufolge, sind die meisten erwachsenen Leser dieser Comics „Donaldisten“. Bei der Identifikation beim Kasperletheater dürfte Kasperle der Favorit sein.

    Das Kinder für Tiere mit Mitgefühl haben als für Menschen, entspricht wohl einer bestimmten Entwicklungsphase. Wenn ich in der Öffentlichkeit beobachte, wie der Blick eines Erwachsenen schmilzt, sobald er sich auf einen Hund richtet, dann aber eiskalt wird, wenn ein Straßebfeger-Verkäufer durch den Wagon kommt, verstehe ich das nicht ganz. Schließlich betteln auch Hunde eigentlich dauernd.

    Dass du deine Puppen selbst gemacht hast, bewundere ich.

    LG cuenta…….

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  12. Leider gibt es offensichtlich das Buch von Hal und Sidra Stone nicht mehr. Nur mehr zu Liebhaberpreise über Amazon. Wo könnte man dieses Buch ev. noch zu einem annähernd normalen Preis finden? Bin für jede Idee dankbar, da ich irgendwie sehr neugierig auf das Buch geworden bin. Liebe Grüße aus Wien, wo es nun schon wirklich nach Frühling riecht. Beatrice

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  13. Du hast recht, nicht mal auf Englisch. Ich würd’s dir gerne leihen, aber ich habe meines auch mal irgendwann verliehen und nicht wieder bekommen. 😦
    Vielleicht bei ebay, obwohl ich das ja wirklich nur sehr sehr ungern empfehle. Aber für Bücher ist es ja eigentlich ganz gut.

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  14. hallo Beatrice,

    Ich lege dir mal ein paar links hier rein, unter anderem den einer Therapeutin in Wien,
    Empfehlenswert und erschwinglich sind die Bücher von Wittemann .

    http://www.individualsystemik.com/index.php?cid=192&pid=191
    http://www.theres-grau.net/
    http://www.voice-dialogue-europe.net/
    http://www.connection.de/artikel/gesundheit-heilung/warum-wir-erst-anfangen-uns-zu-verstehen.html
    http://www.zeitzuleben.de/artikel/persoenlichkeit/innerer-dialog.html

    http://www.amazon.de/gp/product/3499616440?ie=UTF8&tag=seminaranzeig-21&link_code=as3&camp=2514&creative=9386&creativeASIN=3499616440

    bei Ihr http://www.voicedialoguecenter.at/SYSTEMCOACHING.swf
    könntest du vielleicht sogar anrufen und fragen ob sie Infomaterial hat. Vielleicht hat sie auch das Buch und verleiht, bzw, kopiert es auszugsweise.

    Ich selbst habe Mitte der 80er Jahre mal an einem Seminar zum Thema teilgenommen, ich meine auch das Buch mal gehabt zu haben, aber ich kann es definitiv nicht mehr finden in meinen diversen Bücherhorten. Es wird wohl nach einem Verleih adoptiert worden sein 😉

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  15. Vielen herzlichen Dank für das Feedback zu meiner Buchsuche. Ev. hab ich die Möglichkeit, mir in Wien bei jemandem eines auszuborgen. Sonst werde ich es mal mit den Büchern von Wittemann probieren. Vielleicht frage ich ja auch noch mal beim Verlag nach. Vielleicht gibt es ja eine Neu-Auflage. Ganz herzliche Grüße von Beatrice

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  16. wunderbar wahrer wie witziger eintrag, liebe anne! und die diskussion darunter erst! ich mag ja auch puppentheater gern, schade, dass ich keine kleinen kinder mehr habe, mit denen zusammen es den größten spaß machen würde, all das alltägliche in stücken abzuspielen…

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